Nachruf auf Professor Dr. Michael Stürmer

Zum Gedenken an den am 13. Juli 2026 im Alter von 87 Jahren gestorbenen Erlanger Lehrstuhlinhaber Michael Stürmer hat sein langjähriger Erlanger Kollege Professor Horst Möller auf Bitten des Departments Geschichte einen persönlichen Nachruf verfasst:

Professor Dr. Michael Stürmer (29. September 1938– 13. Juli 2026)

Michael Stürmer war seit seiner Berufung auf den Lehrstuhl für Mittlere und Neuere Geschichte II (Schwerpunkt 19./20 Jahrhundert) 1973 bis zu seiner Emeritierung 2003 dreißig Jahre mit der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg eng verbunden. Nun ist er nach langer Krankheit im oberbayerischen Icking verstorben. Obwohl er in den letzten beiden Jahrzehnten vor allem journalistisch in Berlin tätig war, zählt er zu den herausragenden und in der Öffentlichkeit sichtbarsten Erlanger Historikern.

Als Sohn eines Komponisten und einer Geigerin in Kassel geboren, studierte er nach dem Abitur 1956 Geschichte und Philosophie an der FU Berlin, der London School of Economics und vor allem in Marburg, wo er 1965 von Erich Matthias promoviert wurde. Die Habilitation erfolgte 1971 unter der Ägide von Helmut Böhme an der Technischen Hochschule Darmstadt. Schon 1972/73 wurde er auf den Lehrstuhl für Sozialgeschichte an der kurz zuvor gegründeten Gesamthochschule Kassel berufen, deren Präsidentin die spätere sozialdemokratische hessische Wissenschaftsministerin Vera Rüdiger war.

Die Stationen dieser Laufbahn wie auch frühe Veröffentlichungen zeigen, dass der später als ‚konservativ‘ geltende Stürmer zu dem sich damals entwickelnden traditionskritischen eher ‚linken‘ Historikerkreis gehörte, der sich unter anderem an dem aus der NS-Diktatur in die USA emigrierten Historiker Hans Rosenberg orientierte. Er kam damals zu Gastprofessuren nach Deutschland und zählte zu denjenigen, die die dann aktuellen Vertreter des Programms „Geschichte als Historische Sozialwissenschaft“ inspirierte.

Die Kasseler Neugründung, die dem Reformprogramm des damaligen Wissenschaftsministers Ludwig von Friedeburg entsprach, das zum heftigen Streit über die ‚Hessischen Rahmenrichtlinien‘ führte, enttäuschte in ihrer wissenschaftlich und politischen Engführung Stürmer jedoch schnell, so dass er die Gelegenheit wahrnahm, schon nach zwei Semestern den Ruf der traditionsreichen und renommierten Universität Erlangen anzunehmen. Dabei half der Zufall eines formalen Versäumnisses in Kassel – normalerweise wäre er für drei Jahre gesperrt gewesen.

In Erlangen lag dann trotz vieler auswärtiger Aktivitäten für die längste Zeit der eindeutige Schwerpunkt seiner wissenschaftlichen Laufbahn und auch seiner Lehrtätigkeit. Einen Ruf an die Universität Kiel und die Möglichkeit, zur Stiftung Preußischer Kulturbesitz als Direktor für den Bereich ‚Schlösser und Gärten‘ zu gehen, lehnte er ab.

Als akademischer Lehrer und gegenüber seinen Mitarbeitern war Michael Stürmer in jeder Hinsicht anspruchsvoll. Doch hatte dies auch eine sehr positive Konsequenz: Er betreute 13 Dissertationen, darunter von Eckart Conze, Heinrich Maetzke, Ulrich-Christian Pallach und Rudolf Schlögl, sowie die Habilitationen von Klaus J. Bade, Hans-Ulrich Thamer, Anselm Doering-Manteuffel, die später (wie seine Doktoranden Conze und Schlögl) zu den renommierten Lehrstuhlinhabern der Neueren Geschichte zählten, sowie für die Bayerische Geschichte/ Didaktik der Geschichte Manfred Hanisch.

Zu seinen wichtigsten Studenten zählte auch der von Klaus Hildebrand promovierte Ulrich Schlie, der zeitweise Stürmers Mitarbeiter war (in Ebenhausen): Er machte später als Wissenschaftler, Politikberater, Beamter im Auswärtigen Amt, Ministerialdirektor im Bundesverteidigungsministerium und schließlich Ordinarius in Bonn eine eindrucksvolle Karriere.

Die bei Stürmer eingereichten Dissertationen und Habilitationsschriften behandeln zwar viele sozialgeschichtliche bzw. außenpolitische Themen, weisen insgesamt aber eine Breite auf, die die wissenschaftliche Liberalität des Betreuers zeigt, dem es nicht um eine Schulbildung im Bereich der eigenen Schwerpunkte ging.

Als Kollege war Michael Stürmer zweifellos ein selbstbewusster Individualist, der die eigene Bedeutung für den Ruf der Erlanger Geschichtswissenschaft nicht unter den Scheffel stellte. Er gehörte zu denen, die – schon wegen seiner vielen auswärtigen Interessen – dazu beitrugen, die akademische Selbstverwaltung nicht ausufern zu lassen, sondern auf das Notwendige zu konzentrieren. Das kam der für die Forschung verfügbaren Zeit zugute. Außerdem pflegten er und seine Frau durch Einladungen auch größerer Kreise in ihr stilvolles Haus die persönlichen Beziehungen unter den Kollegen.

Als Inhaber paralleler Lehrstühle 1982 bis 1989 haben wir reibungslos zusammengewirkt und auch privat miteinander verkehrt, zumal wir nur wenige Häuser entfernt voneinander wohnten. Wir hatten uns bereits 1973 in der Kommission für Geschichte des Parlamentarismus und der Politischen Parteien in Bonn kennengelernt, als wir beide in einem Projekt zur Erforschung des Parlamentarismus tätig waren – er zur Bismarckzeit, ich zur Weimarer Republik. Eine solche Analogie wiederholte sich in Erlangen mit zeitlich umgekehrtem Vorzeichen, als wir beide an Bänden der im Siedler Verlag erscheinenden Reihe „Die Deutschen und ihre Nation“ arbeiteten: Er hatte allerdings seinen Band 3 „Das ruhelose Reich. Deutschland 1866-1918“ schon fast fertiggestellt, während ich meinen Band 1 „Fürstenstaat oder Bürgernation. Deutschland 1763-1815“ gerade erst konzipierte. Trotzdem war die Korrespondenz beider Bücher hilfreich.

Fast gleichzeitig arbeiteten wir zwischen 1982 und 1985 nochmals parallel für ein Publikationsprojekt, die vom Institut für Zeitgeschichte in München herausgegebene dtv-Reihe „Deutsche Geschichte der neuesten Zeit“ – er über die Reichsgründung 1870/71, ich über die Weimarer Republik, beide Bände erschienen kurz nacheinander 1984 bzw. 1985. Insofern war der wissenschaftliche Austausch schon durch diese analogen Buchprojekte quasi institutionalisiert. Zwischen beiden Lehrstühlen gab es eine enge Kooperation, auch bei der Festlegung der Lehrveranstaltungen, nie gab es Probleme, wenn wir beide gelegentlich über die gleiche Epoche arbeiteten, aber gemeinsam mit den anderen Kollegen sicherstellten, dass das 19./20. Jahrhundert und die Frühe Neuzeit (der Schwerpunkt meines Lehrstuhls) in der Lehre angemessen vertreten waren.

Die Gesamtdarstellung zum späten 19. und frühen 20. Jahrhundert ist vermutlich Michael Stürmers erfolgreichstes wissenschaftliches Werk. Es besticht wie all seine Schriften durch einen leichtfüßigen Stil mit vielen brillanten Passagen und insbesondere mit den im ersten Drittel des Buches thematisierten Kapiteln zur Sozial- und Mentalitätsgeschichte des Bürgertums – wie Stürmer überhaupt ein besonderes Faible und Sensibilität für (soziale) Kulturgeschichte im weiteren Sinn besaß.

Als größere quellenintensive Forschungsleistungen unter seinen zahlreichen Monographien bleiben bis heute seine ersten Bücher in Erinnerung, die aus Promotion und Habilitation hervorgehend die Parteien- und Parlamentarismusforschung bereichert haben: „Koalition und Opposition in der Weimarer Republik 1924-1928“ (1967) sowie „Regierung und Reichstag im Bismarckstaat 1871-1880“ (1974). Zusammen mit mehreren von ihm herausgegebenen Quellen- und Aufsatzbänden lag hier zeitlich und thematisch ein ausgesprochener Schwerpunkt – und die wissenschaftliche Begründung für seine Berufung nach Erlangen.

Zu seinen beeindruckendsten Werken zählt zweifellos ein Buch, das man nach seinen bis dahin sichtbaren Forschungsinteressen nicht erwartet hätte: „Handwerk und höfische Kultur. Europäische Möbelkunst im 18. Jahrhundert“ (1982). Der prachtvoll illustrierte Band ist zugleich wirtschafts-, sozial-, technik- und kunstgeschichtlich angelegt. Man spürt die Faszination Stürmers für die Möbel des 18. Jahrhunderts, die er selbst auch praktisch umsetzte – nicht allein durch Käufe, sondern weil er die handwerkliche Fähigkeit besaß, fast bis zur Unkenntlichkeit ruinierte Stücke zu restaurieren. In der FAZ veröffentlichte er beispielsweise 1995 Artikel „Gebrechlicher Charme. Über das Sammeln alter Möbel“ und „Vom Glanz auf dunklem Grund. Eine kleine Geschichte der Beschläge“.

Das war der eine Teil der Laufbahn, der zweite wurzelte zwar in Erlangen, führte aber immer wieder aus seiner Universität heraus, zu Gastaufenthalten in Paris, Princeton, Harvard, Toronto – diese Gastprofessuren dienten durchaus dem Ansehen der Friedrich-Alexander-Universität, aber natürlich auch seinem eigenen Erfahrungshorizont und seinem Bekanntheitsgrad. Er wuchs seitdem vor allem aus seiner zunehmenden journalistischen Tätigkeit. Etliche Jahre schrieb er zahlreiche Artikel, darunter auch Leitartikel, für die FAZ, die wir oft vorher bei einer Flasche Wein diskutierten. Nach dem Ausscheiden von Joachim Fest als Herausgeber wechselte er zu anderen Zeitungen, nach seiner Emeritierung 2003 schließlich zwei Jahrzehnte u.a. als Chefkorrespondent zur „Welt“ in Berlin, und schrieb auch für die Bild-Zeitung. Als er mich einmal fragte, ob ich einen seiner Artikel in „Bild“ gelesen hätte und ich antwortete, dass ich dieses Blatt nicht lesen würde, reagierte er locker: „Ihr Fehler, 5 Millionen Auflage“.

Diese Aktivitäten und die Tatsache, dass unter der großen Zahl seiner Veröffentlichungen immer mehr Essays und politische Artikel – allerdings oft mit historischer Hintergrundthematik – waren, bewirkte eine allmähliche Entfernung von der klassischen Universitätskarriere zum Journalismus – allerdings mit dem Gewinn an großer Breitenwirkung.

Doch all diese Aktivitäten begannen in Erlangen und blieben noch viele Jahre mehr oder weniger mit Wissenschaft und Lehre verbunden. Als die Universität Erlangen für Stürmers Vorgänger Walther Peter Fuchs aus Anlass seines 75. Geburtstags ein Fest veranstaltete, kam dessen früherer Doktorand Helmut Kohl nach Erlangen; bei der Feierstunde würdigte auch Michael Stürmer seinen Vorgänger und lernte so den späteren Bundeskanzler kennen. Nach dem erfolgreichen Misstrauensvotum gegen Helmut Schmidt 1982 folgte eine Einladung an Stürmer, an dem Team mitzuwirken, das die erste Regierungserklärung Kohls vorbereitete. Stürmer kam daraufhin in Kontakt mit Politikern und Politischen Beamten. Der stets elegante Michael Stürmer genoss es sichtlich, an öffentlichen politischen Debatten teilzunehmen. Eher im Hintergrund wirkte Stürmer im Zuge seiner Annäherung an CDU/CSU, als er mit dem damaligen Chefredakteur und Strauß-Vertrauten Wilfried Scharnagl unveröffentlichte Interviews mit Franz Josef Strauß führte, die der Vorbereitung von dessen späteren (unvollendeten) Erinnerungen dienten.

Stürmer engagierte sich in öffentlichen Debatten sowie in Gesprächszirkeln vor allem für geschichtspolitische und außenpolitische Themen. Seitdem geriet er im Zusammenhang des sog. Historikerstreits 1986 und im Kontext der Gründung des „Hauses der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland“ seit 1983 ins Visier hysterisierter Kritik am vermeintlichen „Revisionismus“ ‚konservativer‘ Historiker, die Hans-Ulrich Wehler, andere sozialdemokratische Historiker und der Philosoph Jürgen Habermas als „Entsorgung der deutschen Vergangenheit“ bezeichneten: Angeblich sollte die NS-Vergangenheit aus dem deutschen Geschichtsbild getilgt werden. Zu den absurden Verunglimpfungen zählte die Konstruktion einer „Viererbande“: Ernst Nolte, Andreas Hillgruber, Klaus Hildebrand und Michael Stürmer. Daran war so gut wie alles falsch: Tatsächlich hatten die drei Erstgenannten – im Unterschied zu ihren linken Kritikern! – fundamentale Beiträge zur NS-Forschung geliefert. Zu den Forschungsfeldern von Stürmer gehörte weder die NS-Vergangenheit noch bis dahin die Geschichte der Bundesrepublik. Am ‚Haus der Geschichte der Bundesrepublik‘ in Bonn, dessen Gründung der neue Bundeskanzler Kohl angekündigt und betrieben hatte, war von der angeblichen Viererbande nur einer beteiligt: Die Konzeptionsgruppe seit 1983 und das seit 1985 folgende Gründungsdirektorium bestanden aus Lothar Gall (Frankfurt/Main), Klaus Hildebrand (Bonn), Horst Möller (Erlangen) und dem Museumsdirektor Ulrich Löber (Koblenz).

Zu Recht ist später betont worden, der ‚Historikerstreit‘ sei kein wissenschaftlicher Streit unter Historikern gewesen, sondern eine publizistische Auseinandersetzung über Geschichtspolitik; die heftige Polemik der SPD und ihr nahestehender Historiker gegen das ‚Haus der Geschichte der Bundesrepublik‘ endete unmittelbar nach der Eröffnung.

Jedenfalls wurde das publizistische Engagement von Michael Stürmer seit Mitte der 1980er Jahre intensiver und richtete sich zunehmend auf die Außenpolitik, sein Ziel war offensichtlich die Politikberatung. Insofern war es konsequent, dass er sich auf das Amt des Direktors der Stiftung Wissenschaft und Politik in Ebenhausen (heute in Berlin) bewarb, als dessen Gründer und langjähriger Direktor Klaus Ritter 1988 in den Ruhestand ging. Nach der zeitlich befristeten Berufung für fünf Jahre seit 1988 und der Verlängerung bis 1998 ließ er sich in Erlangen beurlauben und kehrte nach zehn Jahren an seine Universität zurück.

Seit diesen Jahren hat Stürmer auch weiterhin zu historischen, vorzugsweise auch außenpolitischen Themen publiziert, stets gut lesbar und dezidiert, in der Regel in essayistischer Form und auf Breitenwirkung bedacht.

Seine Rückkehr nach Erlangen dürfte für ihn wohl deshalb mit zwiespältigen Gefühlen verbunden gewesen sein, weil sein Lehrstuhl inzwischen (mit Gregor Schöllgen) besetzt war und sich in zehn Jahren der Kollegenkreis weitgehend verändert hatte – von den bedeutenden Fachkollegen der vorhergehenden Generation, Kurt Kluxen, Walther Peter Fuchs, Karl-Heinz Ruffmann, die besonders die Erlanger Neuzeitgeschichte repräsentiert hatten, lebte damals nur noch Kurt Kluxen. Weder an das kollegiale Umfeld, noch an die bedeutende Rolle seiner akademischen Tätigkeit von 1973 bis 1988 konnte er bruchlos anschließen.

Doch ändert dieser fünfjährige universitäre ‚Epilog‘ nichts daran, dass die Erlanger Geschichtswissenschaft mit seinem Tod einen ihrer wichtigsten, öffentlichkeitswirksamsten und originellsten Repräsentanten verloren hat. In seiner Singularität erschien er nicht selten als ein für Professoren atypischer Paradiesvogel.

Doch machte es von jeher einen Reiz der (alten?) Universität aus, dass in ihr gelehrte Persönlichkeiten unterschiedlichsten Charakters wirken konnten.

Horst Möller (München)