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Vorlesung: Das Russische Reich von Katharina II. bis 1917 als multiethnisches Imperium

Dozent/in

Details

Zeit/Ort n.V.:

  • Di 14:00-16:00, Raum TSG HS A (02.021)

Inhalt

Das Russische Reich zählte über 100 ethnische Gruppen, darunter neben Russen und Ukrainern auch etwa Esten oder Kalmücken. Es wurde daher, besonders prominent von Andreas Kappeler, als „Vielvölkerreich" bezeichnet. Es war zugleich ein Imperium, das durchaus mit anderen zeitgenössischen Imperien wie dem British Empire vergleichbar ist; diese Forschungsrichtung der vergleichenden Imperialgeschichte war in den letzten Jahren besonders produktiv.
Die Vorlesung umfasst die Periode von der Herrschaftszeit Katharinas II. (1762-1796) bis zum Zerfall des Zarenreiches 1917. Es wird die Frage behandelt, wie angesichts der aufgrund von Eroberungen und Expansionen zunehmenden ethnischen und religiösen Vielfalt imperiale Ordnung und Einheit (auch symbolisch) hergestellt wurden. Neben die etablierte Imperialpolitik, die nicht nur auf militärische Unterwerfung, sondern auch auf die Kooptierung von Eliten und ein abgestuftes Privilegiensystem setzte, traten im Laufe der betrachteten Zeit zunehmend Aspekte einer modernen Staatsbürgerschaft und das Bestreben des Staates, die Bevölkerung, etwa bei Volkszählungen oder durch die Festschreibung ethnischer Zugehörigkeiten, zu erfassen und zu kategorisieren. Zudem wird das Russische Reich in der Rivalität und im Kontakt mit anderen Großmächten und in seiner besonderen Stellung zwischen Europa und Asien vorgestellt. Sich gegenüber „Fremdstämmigen", „Bergbewohnern" oder „fanatischen Muslimen" als europäische Zivilisierungsmacht zu inszenieren, war dabei ein gängiges Muster.
Die Beziehungen zwischen „Zentrum" des Reiches und „Peripherien" wandelten sich. Zudem wirkten sich die Folgen der „Großen Reformen" der 1860er und 1870er Jahre, die beginnende Industrialisierung und Urbanisierung, in vielfältiger Weise auf das Reich aus und stellten gängige Ordnungsmuster wie das Ständesystem in Frage. Hinzu kam die Spannung zwischen sich ausbildenden Vorstellungen von nationaler Zugehörigkeit und von Nationalbewegungen auf der einen Seite und regionalen, religiösen und imperialen Identitäten auf der anderen Seite. Die Revolutionen von 1905 und 1917 waren keineswegs auf die russischen Zentren beschränkt, sondern hatten neben den sozialen auch komplexe imperiale und nationale Dimensionen, die es differenziert zu betrachten gilt.

Empfohlene Literatur

Andreas Kappeler: Rußland als Vielvölkerreich. Entstehung – Geschichte – Zerfall, München 2008 (2. Aufl.); Jörn Leonhard/Ulrike von Hirschhausen: Empires und Nationalstaaten im 19. Jahrhundert, Göttingen 2009 (FRIAS Rote Reihe, Bd. 1).

Zusätzliche Informationen

Erwartete Teilnehmerzahl: 50